Der Frühling beginnt und für viele beginnt damit auch die Allergiesaison. Juckende Augen. Niesen. Laufende Nase.
Als Ärztin beschäftigt mich dabei eine Frage: Warum nehmen Allergien seit Jahrzehnten so stark zu?
Pollen gibt es schließlich nicht erst seit gestern. In Europa berichten heute etwa 20– 30 % der Menschen über allergische Beschwerden, das ist etwa 4-6x so häufig wie noch vor 50 Jahren (ca +300-500%!)
Unsere Gene haben sich in dieser Zeit kaum verändert. Unsere Umwelt und Lebensweise dagegen sehr.
Inhalt:
Was sich in den letzten 50 Jahren verändert hat
Gewichtung der Einflussfaktoren bei Allergien
Ein zentraler Schlüssel: Unser Mikrobiom
Ein unterschätzter Faktor: Antibiotika
Warum das Alter eine Rolle spielt
Was wir heute noch nicht genau wissen
Weitere Faktoren, die eine Rolle spielen
(Ernährung, Naturkontakt, Umweltbelastungen, Schadstoffe im Alltag)
Was wir im Alltag für Schlüsse daraus ziehen können
(Meine 7 relevanten Mico-Habits)
Was sich in den letzten 50 Jahren verändert hat
Wenn man sich Studien und unseren modernen Alltag anschaut, fallen vor allem diese Veränderungen auf:
• weniger Kontakt mit Natur und Mikroben
• mehr verarbeitete Lebensmittel
• verändertes Mikrobiom
• mehr Umweltbelastungen
• häufiger und frühere Medikamenteneinnahme
• weniger „Trainingsreize“ für das Immunsystem
Allergien entstehen nicht durch Pollen, sondern durch ein fehlreguliertes Immunsystem
→ hier gibt es keine einzelne Ursache, sondern ein Zusammenspiel von vielen Faktoren
Wahrscheinliche Gewichtung der Einflussfaktoren bei Allergien:
Darm & Mikrobiom (~30–35 %)
frühe Prägung (z.B. Geburt, Stillen, Beikost, medizinische Eingriffe) (~15–20 %)
medizinische Eingriffe (z.B. Antibiotika) (~15–20 %)
Ernährung (~15–20 %)
Lebensmittelqualität (~15–20 %)
Umweltbelastungen (~10-15%)
Naturkontakt/ mikrobielle Exposition (~10 %)
Mikronährstoffe (~5-10 %)
Genetik (~5-10 %)
Stress und Nervensystem (~5-10 %)
Allergene selbst (Pollen etc.) (~5 % als Auslöser nicht Ursache)
Wichtig: Das sind keine festen Zahlen sondern eine Orientierung, wie stark einzelne Faktoren aus heutiger Sicht wahrscheinlich ins Gewicht fallen.
Ein zentraler Schlüssel: unser Mikrobiom
Ein großer Teil unseres Immunsystems steht in enger Verbindung mit dem Darm.
Dort leben Billionen Mikroorganismen. Sie helfen unserem Körper zu entscheiden:
Harmlos oder gefährlich?
Wenn diese Balance gestört ist, kann auch die Regulation des Immunsystems schwieriger werden.
Studien zeigen:
Menschen mit Allergien haben häufig eine geringere mikrobielle Vielfalt im Darm.
Ein unterschätzer Faktor: Antibiotika
Antibiotika retten Leben. Aber sie wirken nicht nur gegen „schlechte“ Bakterien.
→ Sie verändern auch das Mikrobiom
Typische Effekte:
geringere Vielfalt
Verlust bestimmter Bakterien
veränderte Stoffwechselprozesse
Das Mikrobiom erholt sich wieder. Aber:
→ nicht immer vollständig und es kann teilweise lange dauern!
Eine große Studie (Nature Medicine, >15.000 Personen) zeigt, dass Veränderungen je nach Antibiotikum Monate bis Jahre bestehen können.
Warum das Alter eine Rolle spielt
Das Mikrobiom ist nicht in jedem Lebensalter gleich stabil.
Besonders wichtig: Frühe Kindheit
Das Mikrobiom entsteht in den ersten Lebensjahren.
Einflussfaktoren:
Geburt (vaginal vs. Kaiserschnitt)
Stillen
Antibiotika
Umweltkontakt
Frühe Antibiotikagaben werden in Studien mit einem höheren Risiko für u. a.:
Asthma
Neurodermitis
allergische Erkrankungen (z.B. Heuschnupfen, Nahrungsmittelallergien)
in Verbindung gebracht.
→ Kein Beweis für alleinige Ursache, aber definitiv ein relevanter Faktor.
Auch wichtig: Ältere Menschen
Im höheren Alter nimmt die mikrobielle Vielfalt oft ab.
Nach Antibiotika kann die Erholung deshalb noch langsamer verlaufen, bzw. das Mikrobiom und somit auch das Immunsystem nachhaltig verändert/ geschwächt werden.
Deshalb wichtig → nur sehr gezielter Einsatz von Antibiotika (v.a. in dieser Altersgruppe und bei Kindern)
Was wir heute noch nicht genau wissen
Welche Bakterien bei welcher Person entscheidend sind
wie ein „perfekter Darm“ aussieht
wie man das Mikrobiom gezielt komplett wiederherstellt
Viele Darmtests sind daher aktuell nur eingeschränkt aussagekräftig.
Was aber relativ gut belegt ist:
Das Mikrobiom reagiert stark auf Ernährung, Lebensstil und Umweltkontakt.
Weitere Faktoren, die eine Rolle spielen
Ernährung: Viele Studien zeigen, dass eine hohe Vielfalt pflanzlicher Lebensmittel mit einer größeren mikrobiellen Vielfalt verbunden ist; Ballaststoffe und Rohkost gelten als “Futter” für gute Darmbakterien; stark verarbeitete und zuckerhaltige Lebensmittel sind eher ungünstig; auch die Qualität und Herkunft der Lebensmittel spielen eine Rolle (z. B. Rückstände wie Pestizide oder Einflüsse durch Verpackung und Kontaktmaterialien)
Naturkontakt: Kinder mit viel Naturkontakt entwickeln seltener Allergien → Mikroben „trainieren“ das Immunsystem
Umweltbelastungen: z.B. Lustverschmutzung, Pestizide, Schadstoffe auf Pollen, etc.
…und Schadstoffe die im Alltag oft übersehen werden:
Waschmittel & Weichspüler (Rückstände auf Kleidung, Hautkontakt)
Kosmetik & Pflegeprodukte (Duftstoffe, Konservierungsstoffe)
Wahl der Reinigungsmittel im Haushalt
Textilien (Farbstoffe, Ausrüstungschemikalien)
Warum relevant? Unsere Haut und Schleimhäute sind erste Kontaktflächen für das Immunsystem.
Bestimmte chemische Substanzen können:
• die Hautbarriere reizen oder stören
• Entzündungsprozesse fördern
• das Immunsystem „sensibilisieren“
→ besonders bei Kindern mit noch unreifer Hautbarriere
Was wir im Alltag daraus für Schlüsse ziehen können
Wenn Allergien mit der Regulation des Immunsystems zusammenhängen, lohnt es sich, den Blick auf unsere täglichen Gewohnheiten zu richten.
Hier sind 7 Micro-Habits, die ich persönlich besonders sinnvoll finde:
1. Mikrobiom aktiv unterstützen
Drei einfache Regeln:
Möglichst viele verschiedene ballaststoffreiche Lebensmittel
pro Woche essen, inkl. Rohkost (Gemüse, Hülsenfrüchte, Kräuter, Nüsse, Samen,..)
→ sog. Präbiotika = “Futter” für die guten Darmbakterien
→ Mehr Vielfalt bedeutet oft auch mehr Vielfalt im Darm
Fermentierte Lebensmittel (z.B. Kefir, Wasserkefir (Veganer), Kimchi, Frischsauerkraut)
→ liefern u. a. lebende Mikroorganismen
→ Kombination sinnvoll = höhere Vielfalt
Stark verarbeitete und zuckerreiche Lebensmittel reduzieren
→ können die mikrobielle Vielfalt negativ beeinflussen
2. Stress regulieren
chronischer Stress beeinflusst die Immunbalance
kann Darmbarriere & Mikrobiom verändern
ein oft unterschätzter Trigger bei Allergien
3. Antibiotika sehr bewusst einsetzen
Antibiotika können wichtig sein, aber nicht jede Infektion braucht eines.
Fragen die im Entscheidungsfall helfen können:
Ist es wirklich bakteriell? (v.a. bei Kindern sehr relevante Frage, da die meisten Infekte viralen Ursprungs sind; nach Tests fragen: Rachenabstrich, Stuhlprobe, Urinprobe/ Antibiogramm → um gezielter Entscheidungen zu treffen (Antibiotikum ja/nein; welches? → Ergänzung aus o.g. Studie: Clindamycin und Fluorchinolone reduzieren langfristig deutlich mehr Bakterienstämme als Penicillin V/ Amoxicillin)
Ist dieses Antibiotikum wirklich notwendig? Muss ich oder mein Kind schnell wieder fit werden, weil es nicht anders geht? (z.B. nicht möglich sich krank zu melden etc.); häufig würde ausreichend Zeit und Ruhe auch helfen → aber: häufig nicht mehr gut kompatibel mit unserem Alltag
Richitge Ärztliche Begleitung wählen, die auch nicht-medikamentöse Optionen mit einbezieht und individuell abwägt
4. Nach Antibiotika gezielt regenerieren
Für 4–6 Wochen bewusst:
ballaststoffreich essen (Präbiotika)
täglich fermentierte Lebensmittel (probiotische Kulturen zuführen)
wenig hoch verarbeitete Lebensmittel/ Zucker stark reduzieren
ausreichend Schlaf/ Stress versuchen zu minimieren
Naturkontakt erhöhen
mögliche beeinflussbare Umwelteinflüsse reduzieren
→ Probiotika als NEM können sinnvoll sein, aber nicht für alle gleich wirksam…
→ bei empfindlichem Darm (länger bestehenden Verdauungsproblemen /Blähungen etc) insg. mindestens 3 Monate gezielt regenerieren oder auch darüber hinaus.
5. Naturkontakt erhöhen & Umwelteinflüsse bewusst reduzieren
regelmäßig Wald, Garten, Park (auch Kontakt mit Erde, Pflanzen etc.)
→ „Immuntraining“ durch Umwelt
unnötige Belastungen im Alltag reduzieren
6. Mikronährstoffe, die bei Allergien eine Rolle spielen können
Vitamin-D
→ Schlüsselrolle für Immuntoleranz (beeinflusst T-Zellen)
→ häufig niedrige Spiegel bei Allergikern
→ Spiegel bestimmen sehr sinnvoll!
Zielbereich: 40-60ng/ml bzw 100-150nmol/l
Dosierung: häufig 1500-5000IE/Tag (je nach Ausgangswert/ Gewicht/ Jahreszeit)
Omega-3
→ zentral für Entzündungsbalance
→ beeinflusst Eicosanoide (entzündungsregulierend)
Zielbereich: Omega-3 Index 8-11%
Dosierung/Tag: 1-2g EPA/DHA (EPA besonders wichtig, da entzündungshemmend!)
Quercetin (+Vitamin C)
→ kann zur Stabilisierung der Mastzellen beitragen
→ beeinflusst Histaminfreisetzung
→ Vit C unterstützt die Regeneration von Quercetin
Dosierung/ Tag: Quercetin ca. 500-1000mg + 500-2000mg Vit C
Schwarzkümmel (Nigella sativa)
→ traditionell + zunehmend gut untersucht
→ enthält Thymoquion, Hinweise auf Einfluss auf Immunbalance (TH2)
→ individuelle Verträglichkeit testen/ in besonderen Lebensphasen wie Schwangerschaft/Stillzeit vorher abklären
Dosierung/Tag:
Schwarzkümmel-Öl: ca 1-2 TL oder Extrakt: 500-1000mg
Zink
→ essenzielles Spurenelement wichtig für Schleimhautbarriere/ Immunfunktion
→ relevant bei höherer Infektanfälligkeit
Spiegel: Serum-Zink ca 70-120ug/dl (Interpretation schwierig)
Dosierung: ca. 10-25mg/Tag (kurzfristig auch höher möglich, individuell abklären)
Dosierungen sind allgemeine Orientierungswerte.
Die Wirkung ist individuell + abhängig von:
• deinem Ausgangsstatus (zb Nährstoffspiegel)
• Ernährung
• Darmzustand (Mikrobiom)
• Stresslevel
• Schlaf
• Alltag
Mikronährstoffe können unterstützen aber nur, wenn die Basis stimmt!
7. Schwangerschaft & frühe Kindheit
Studien deuten darauf hin, dass folgende Faktoren das Allergierisiko beeinflussen können:
vielfältige Ernährung der Mutter
ausreichender Vitamin-D-Status
ggf. Pro-/Präbiotika (Ballaststoffe, Inulin, resistente Stärke)
nicht übermäßig sterile Umgebung
Baby-Haut nicht „überpflegen“
möglichst wenig Chemie im Alltag (Waschmittel, Kleidung, unverarbeitete Lebensmittel etc)
Mein Fazit
Allergien sind kein isoliertes Problem und schon gar kein “Pollenproblem”.
Sie entstehen, wenn das Immunsystem seine Balance verliert.
Diese Balance wird u.a. geprägt durch viele unterschiedliche Faktoren.
Das bedeutet: Es gibt selten die eine Lösung.
Aber:
→ viele kleine, tägliche Gewohnheiten können langfristig einen Unterschied machen.
Gesundheit entsteht selten durch eine Maßnahme, sondern durch das Zusammenspiel vieler kleiner Faktoren.
Ich hoffe, dieser Newsletter hat dir einen neuen Blick auf das Thema gegeben:
Weg von reiner Symptombehandlung, hin zu einem besseren Verständnis für die Zusammenhänge im Körper.
Bis zum nächsten Mal,
deine Lisa-Marlen

Hinweise:
Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden bitte ärztlich abklären.
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