Diese Ausgabe ist kein klassischer Newsletter.

Es ist ein kompletter Mikronährstoffguide für die Schwangerschaft (und Stillzeit).

Während meiner Arbeit aber auch als Schwangere selbst ist mir immer wieder aufgefallen, dass wir Schwangerschaften sehr eng begleiten, bei der Versorgung mit wichtigen Nährstoffen aber häufig nur die absoluten Mindeststandards betrachten.

Dieser Guide soll deshalb keine Liste möglichst vieler Nahrungsergänzungsmittel sein. Er soll helfen zu verstehen, welche Nährstoffe in dieser besonderen Lebensphase eine wichtige Rolle spielen, wo die Datenlage gut ist, wo es unterschiedliche Sichtweisen gibt und warum aus meiner Sicht eine individuelle Betrachtung oft sinnvoller ist als eine pauschale Empfehlung für alle.

Dabei orientiere ich mich nicht nur an klassischen Leitlinien, sondern auch an aktueller Forschung, funktioneller Medizin und meiner persönlichen Erfahrung aus aus 3 Schwangerschaften und der Begleitung von Frauen aus meiner Mikronährstoffberatung.

Inhalt:

  • Folsäure/ Folat

  • Jod (+ Selen, Ferritin)

  • Omega-3 (& Omega-6)

  • Vitamin D + K2 + Magnesium

  • Eisen (Hb, Ferritin & CRP)

  • Vitamin B12

  • Magnesium

  • Selen

  • Calcium

  • Cholin

  • Mikrobiom

  • Kombipräparate

Warum dieser Guide anders ist

In der Schwangerschaft wird medizinisch vor allem eines sichergestellt: Das keine schweren Mängel entstehen.

Das ist natürlich wichtig, aber aus meiner Sicht ist es nicht dasselbe wie eine optimale Versorgung oder der Versuch einer Prävention typischer Beschwerden und Komplikationen. Häufig werden erst bei Symptomen erweiterte Maßnahmen getroffen, wie den Nährstoffstatus zu prüfen. Das ist aus meiner Sicht zu spät. 

Ich unterscheide deshalb bewusst zwischen:

  • Leitlinien als Minimalstandard

  • funktionellen Betrachtung im Sinne von Nährstoffstatus-Optimierung

  • meiner eigenen Erfahrung aus drei Schwangerschaften

Schwangerschaft vs. Stillzeit

Die Stillzeit wird im Vergleich häufig unterschätzt.

Während in der Schwangerschaft der Fokus auf dem Aufbau des Babys liegt, geht es danach zusätzlich um die Versorgung über die Muttermilch für das Baby und gleichzeitig um die Regeneration der Mutter.

Der Bedarf bleibt also hoch, teilweise sogar erhöht, während die Speicher oft bereits erschöpft sind.

Grundprinzip

Der Bedarf in der Schwangerschaft ist nicht nur leicht erhöht.

Er ist in vielen Bereichen deutlich erhöht, gleichzeitig laufen Immunsystem, Blutbildung, Hormonsystem und Nervensystem parallel auf Hochtouren.

WICHTIGE NÄHRSTOFFE

FOLSÄURE / FOLAT

Folsäure ist entscheidend für die Zellteilung und schützt vor Neuralrohrdefekten beim Baby (Risikoreduktion 50-70%).

Das Neuralrohr schließt sich bereits etwa 28 Tage nach der Befruchtung. Das heißt häufig bevor eine Frau überhaupt weiß, dass sie schwanger ist. Deshalb ist die Einnahme bereits bei Kinderwunsch so wichtig.

Für diese Wirkung besteht die beste Evidenz für die klassische Folsäure.

Gleichzeitig wandeln nicht alle Menschen Folsäure gleich gut in die aktive Form um (z.B. aufgrund von genetischer Varianten wie im MTHFR-Gen; in Europa betrifft dies schätzungsweise 30-50% der Menschen). Deshalb kann es sinnvoll sein, die bereits aktive Form 5-MTHF (Folat) einzunehmen.

Nach dem ersten Trimester wird die Datenlage für Folsäure deutlich weniger eindeutig. Zwar bleibt der Folatbedarf für Zellteilung, Wachstum von Kind und Plazenta sowie die Blutbildung erhöht, weshalb viele Schwangerschaftspräparate weiterhin Folsäure/ Folat enthalten. Ob jedoch alle Frauen von einer routinemäßigen Supplementierung in gleicher Form und Dosierung bis zur Geburt profitieren, ist wissenschaftlich deutlich weniger klar als die gut belegte Prävention von Neuralrohrdefekten zu Beginn der Schwangerschaft. Es gibt Hinweise auf Vorteile für Blutbildung, Geburtsgewicht und die kindliche Entwicklung, die Studienlage ist jedoch insgesamt weniger robust. Gleichzeitig wird diskutiert, ob eine langfristige hochdosierte Folsäure-Supplementierung über die Frühschwangerschaft hinaus auch unerwünschte Effekte haben könnte. Einzelne Forscher haben hierzu Hypothesen formuliert, belastbare Daten liegen bislang jedoch nicht vor.

Meine Empfehlung:

  • Kinderwunsch:

    → Mindestens 4 Wochen, idealerweise 2-3 Monate vor Empfängnis mit 400µg täglich beginnen

    → Bei späterem Beginn (erst nach positivem Schwangerschaftstest) können bis zum Ende des 1. Trimesters 800µg täglich sinnvoll sein, um die Folatspeicher möglichst rasch aufzufüllen

  • Schwangerschaft:

    → Folsäure/Folat bleibt auch nach dem 1. Trimester wichtig. Die DGE empfiehlt 550µg Folat-Äquivalente täglich
    → Aus meiner Sicht lohnt sich aber eine individuelle Betrachtung von Ernährung, Blutwerten und Risikofaktoren statt einer pauschalen Hochdosis-Supplementierung für alle

  • Stillzeit:

    → Die DGE empfiehlt 450µg Folat-Äquivalente/Tag

    → Eine ausreichende Folatzufuhr über Ernährung und/oder Supplemente bleibt sinnvoll, insbesondere bei kurzen Abständen zwischen Schwangerschaften oder längerer Stillzeit

JOD

Jod ist wichtig für die Schilddrüse und spielt eine zentrale Rolle für die Gehirn- und Nervensystementwicklung des Babys. Eine unzureichende Versorgung in der Schwangerschaft wird mit einer ungünstigeren kognitiven Entwicklung des Kindes in Verbindung gebracht.

Da viele Menschen in Deutschland eher wenig Jod aufnehmen, wird Jod in Schwangerschaft und Stillzeit meist routinemäßig empfohlen, häufig mit etwa 150 µg täglich.

Es ist schwer den Jodstatus direkt zu gemessen, häufig wird nur der TSH-Wert betrachtet, der aber primär die Schilddrüsenfunktion widerspiegelt und keinen direkten Rückschluss auf die Jodversorgung erlaubt (allein kein vollständiger Marker). Die Werte fT3 und fT4 können zusätzlich helfen, die Schilddrüsenfunktion und die Versorgungssituation besser einzuordnen. Außerdem sollte Jod nicht isoliert betrachtet werden. Für eine gesunde Schilddrüse sind auch Selen und Eisen wichtig. Fehlen diese Nährstoffe, kann die Schilddrüse trotz ausreichender Jodzufuhr nicht optimal arbeiten.

Empfehlung:

  • Kinderwunsch:

    → Auf eine ausreichende Jodzufuhr achten (z.B. über Jodsalz und ein geeignetes Schwangerschaftspräparat)

  • Schwangerschaft:

    → Mindestens 150-200µg täglich, individuell prüfen

    → Schilddrüsenwerte (ft3, ft4), Selen und Eisenstatus (Ferritin) mitdenken

  • Stillzeit:

    → Weiterhin wichtig, Bedarf sogar etwas höher als in der Schwangerschaft, da Jod über die Muttermilch an das Kind weitergegeben wird

    Bei Schilddrüsenerkrankungen bitte immer individuelle ärztliche Abklärung!

OMEGA-3 (DHA + EPA)

Omega-3 gehört für mich zu den zentralen Bausteinen in der Schwangerschaft und Stillzeit, wird aber entweder gar nicht oder sehr konservativ empfohlen.

  • DHA ist entscheidend für die Entwicklung von Gehirn und Augen des Babys

  • EPA spielt eine zentrale Rolle für die Immunregulation und Entzündungsbalance der Mutter und wird in der Praxis häufig unterschätzt

Ein niedriger Omega-3-Status wird in Studien mit stärkeren entzündlichen Reaktionen und einem erhöhten Risiko für Frühgeburten in Verbindung gebracht (v.a. wenn der Ausgangswert schlecht war und damit ist bei vielen Deutschen eher zu rechnen). 

Ein sinnvoller Zielwert ist ein Omega-3-Index von >8 bis ca. 11%

Wenn man sich die Empfehlungen anschaut, entsteht eine interessante Diskrepanz: 

Für nicht schwangere Erwachsene werden häufig bereits etwa 1 bis 2g EPA und DHA kombiniert pro Tag diskutiert.

Für Schwangere empfiehlt die EFSA dagegen etwa 350 bis 400 mg EPA und DHA täglich, abhängig davon, wie viel bereits über die Ernährung abgedeckt wird (meist recht wenig).

Gleichzeitig gilt laut EFSA eine Zufuhr von bis zu 1g DHA pro Tag auch in Schwangerschaft und Stillzeit als sicher.

Die FDA stuft sogar Gesamtmengen von bis zu 3 g EPA und DHA pro Tag als unproblematisch ein (für nicht schwangere).

Die offiziell empfohlene Menge liegt damit deutlich unter den Mengen, die in anderen Kontexten häufig diskutiert werden.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die empfohlenen Mindestmengen für jede Frau automatisch auch die optimale Versorgung darstellen?

Ein zusätzlicher Punkt, der dabei oft übersehen wird, ist das Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6.

Ein hoher Omega-6-Anteil in der Ernährung kann entzündungsfördernd wirken und die Effekte von Omega-3 abschwächen.

Das bedeutet:

Es reicht nicht nur, Omega 3 zu erhöhen, sondern auch Omega 6 zu reduzieren.

Das betrifft vor allem stark verarbeitete Lebensmittel sowie Öle wie Sonnenblumenöl, Maiskeimöl oder Sojaöl, die häufig in der Alltagsküche sowie bei Restaurants und in Fertigprodukten enthalten sind.

Ein günstigeres Verhältnis kann dazu beitragen, den Omega-3-Index zu verbessern und die entzündungsregulierende Wirkung von EPA und DHA besser zur Geltung kommen zu lassen.

Persönliche Erfahrung:

Ich nehme aktuell täglich (schwanger) knapp 2g EPA/DHA über Algenöl ein (etwa 1200 mg EPA und etwa 700 mg DHA), mit dem Ziel, sowohl mein Immunsystem stabil zu halten als auch die Entwicklung meines Kindes optimal zu unterstützen. Damit liege ich bewusst über den Standardempfehlungen.

In meinen 3 Schwangerschaften habe ich damit persönlich sehr gute Erfahrungen gemacht.

Das ist jedoch meine individuelle Entscheidung und keine allgemeine Empfehlung.

Ich empfehle Algenöl statt Fischöl oder „mehr Fisch“.

Algen liefern EPA und DHA direkt, haben eine standardisierte Qualität, ein geringeres Risiko für Schadstoffbelastung und sind nachhaltiger. Außerdem bekommt der Fisch sein Omega-3 auch nur aus den Algen, die er frisst. 

Pflanzliche Omega-3-Quellen wie Leinsamen, Chiasamen oder Walnüsse liefern hauptsächlich ALA. Die Umwandlung in die für Schwangerschaft und Stillzeit besonders wichtigen Fettsäuren EPA und DHA ist jedoch sehr begrenzt. Deshalb reichen ALA-Quellen allein meist nicht aus, um den Bedarf zuverlässig zu decken. Trotzdem sind diese Lebensmittel sehr gesund und sollten regelmäßig Teil einer ausgewogenen Ernährung sein. Sie liefern neben ALA auch Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe, Vitamine und Mineralstoffe.

Empfehlung:

  • Kinderwunsch:

    → Möglichst bereits einige Monate vor einer geplanten Schwangerschaft auf eine gute Versorgung mit DHA und EPA achten (v.a. bei vegetarischer oder veganer Ernährung)

  • Schwangerschaft:

    → Mindestens 250–300mg DHA täglich als Basis für die kindliche Gehirn- und Augenentwicklung

    → Funktionell kann je nach Ernährung, Omega-3-Status und individueller Situation auch eine höhere Zufuhr sinnvoll sein

    → Auf eine Kombination aus DHA und EPA achten

    → Gleichzeitig die Aufnahme von Omega-6-reichen Pflanzenölen und stark verarbeiteten Lebensmitteln reduzieren

  • Stillzeit:

    → Weiterhin auf eine gute Versorgung mit DHA und EPA achten

    → DHA wird direkt über die Muttermilch an das Kind weitergegeben

    → Weiterhin auf ein günstiges Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6 achten

VITAMIN D (inkl. VITAMIN K2 & MAGNESIUM)

Vitamin D ist einer der am häufigsten unterschätzten Nährstoffe und ist aus meiner Sicht für in Deutschland lebende ganzjährig relevant

Offiziell gelten Werte ab etwa 20ng/ml (50nmol/l) als ausreichend.

Aus funktioneller Sicht zeigt sich jedoch häufig, dass Werte unter 30ng/ml u.a. mit einer weniger stabilen Immunfunktion einhergehen.

Deshalb strebe ich persönlich höhere Werte an als die offiziellen Mindestempfehlungen.

Der Zielbereich, der aus funktioneller Sicht erstrebenswert ist, liegt bei: 40 bis 60 ng/ml (100 bis 150nmol/l).

Niedrige Spiegel werden in der Schwangerschaft mit Präeklampsie, Gestationsdiabetes und erhöhter Infektanfälligkeit in Verbindung gebracht.

Magnesium ist notwendig für die Aktivierung von Vitamin D im Körper, es muss aber nicht gleichzeitig mit Vitamin D eingenommen werden. Ein guter Spiegel ist hier entscheidend.

Vitamin K2 unterstützt die sinnvolle Verteilung von Calcium im Körper, also den Einbau in Knochen und Zähne. Dies gilt sowohl für die Mutter als auch für das heranwachsende Baby.

Vitamin K beeinflusst die Blutgerinnung, deshalb ist bei der Einnahme von Blutverdünnern Vorsicht geboten und eine ärztliche Abklärung sinnvoll.

Vitamin D sollte idealerweise zu einer fettreichen Mahlzeit eingenommen werden.

Empfehlung:

  • Kinderwunsch:

    → Vitamin-D-Spiegel idealerweise bereits vor der Schwangerschaft bestimmen lassen

  • Schwangerschaft:

    → Kombiniert einnehmen mit Vitamin K2, es sei denn es gibt Kontraindikationen 

    → Gute Versorgung mit Magnesium ist hilfreich  

  • Stillzeit:

    → Weiterhin auf gute Versorgung achten, geht in die Muttermilch über

EISEN 

Eisen ist essentiell für Sauerstofftransport, Energie und Zellteilung.

Standardmäßig wird häufig nur der Hb-Wert (Hämoglobin) kontrolliert, dieser fällt jedoch erst ab, wenn die Eisenspeicher bereits erschöpft sind.

Deshalb sollte der Ferritin-Wert (Eisenspeicher) im besten Fall gemeinsam mit dem Entzündungsmarker CRP bestimmt werden (Ferritin kann bei Entzündungen unabhängig vom Eisenstatus ansteigen und somit einen Eisenmangel verschleiern). 

Ein niedriger Eisenstatus wird mit Müdigkeit, Erschöpfung, reduzierter Belastbarkeit und bei ausgeprägtem Mangel auch mit einem erhöhten Risiko für Frühgeburt und niedriges Geburtsgewicht in Verbindung gebracht.

Zudem gibt es Hinweise, dass ein niedriger Eisenstatus mit depressiver Stimmung und einem erhöhten Risiko für Wochenbettdepression in Zusammenhang stehen kann.

Viele Frauen haben trotz normalem Hb bereits niedrige Eisenspeicher. Aus funktioneller Sicht strebe ich in Schwangerschaft und Stillzeit meist Ferritinwerte von mindestens 50µg/l an. Entscheidend ist jedoch immer die Gesamtsituation aus Beschwerden, Hb, Ferritin und CRP.

Neben Supplementen bleibt eine eisenreiche Ernährung (z.B. Fleisch, Hülsenfrüchte, Kürbiskerne) eine wichtige Grundlage.

Empfehlung:

  • Kinderwunsch:

    → Bei starker Menstruation, vegetarischer/veganer Ernährung, längerer Stillzeit oder mehreren Schwangerschaften den Eisenstatus möglichst bereits vor der Schwangerschaft überprüfen lassen

  • Schwangerschaft:

    → Individuell entscheiden nach Bestimmung von: Hb, Ferritin und CRP

    → Nach langer Stillzeit oder mehreren Schwangerschaften das Triple aus Hb, Ferritin und CRP möglichst früh bestimmen lassen (bei erster Blutabnahme bei der Gynäkologin gezielt darauf ansprechen, auch wenn es nicht empfohlen/ von der Kasse übernommen wird)

    → Supplemente am besten morgens nüchtern oder abends einnehmen, kombiniert mit z.B. Vitamin C-haltigem Getränk (Zitronenwasser o.ä.)

    → Mind. 2 Stunden Abstand zu Magnesium und Calcium, sowie Milchprodukten, Kaffee und schwarzem Tee, da sonst die Aufnahme gehemmt wird

    →Vorsicht mit Kombinationspräparaten! 

  • Stillzeit: Besonders wichtig zur Auffüllung der Eisenpeicher (Laborkontrolle kann hier erneut sinnvoll sein)

VITAMIN B12

Vitamin B12 ist wichtig für die Blutbildung, die Zellteilung, das Nervensystem und die Entwicklung des kindlichen Gehirns.

Gemeinsam mit Folat spielt es eine zentrale Rolle bei Wachstums- und Entwicklungsprozessen während Schwangerschaft und Stillzeit.

Besonders bei vegetarischer oder veganer Ernährung kann die Versorgung kritisch sein, da Vitamin B12 fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorkommt.

Ein Mangel entwickelt sich häufig schleichend und bleibt lange unbemerkt. Mögliche Folgen können Müdigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Kribbeln in Händen oder Füßen sowie Veränderungen des Blutbildes sein.

Häufig wird Vitamin B12 in Schwangerschaftspräparaten zwar mitgeführt, die tatsächliche Versorgung wird jedoch selten überprüft. Aus funktioneller Sicht streben viele Experten eher Werte im oberen Normbereich an als lediglich knapp über der unteren Laborgrenze.

Die DGE empfiehlt in der Schwangerschaft 4,5µg und in der Stillzeit 5,5µg Vitamin B12 täglich. Da Vitamin B12 nur begrenzt aufgenommen wird, enthalten viele Schwangerschaftspräparate deutlich höhere Mengen. Bei Vegetariern/ Veganern werden häufig deutlich höhere Mengen empfohlen (250–500µg täglich).

Empfehlung:

  • Kinderwunsch:
    → Besonders bei vegetarischer oder veganer Ernährung die Versorgung frühzeitig überprüfen (sinnvoll können Vitamin B12, Holotranscobalamin (Holo-TC) und bei unklaren Befunden Homocystein sein)

  • Schwangerschaft:
    → Auf eine ausreichende Versorgung achten, insbesondere bei vegetarischer oder veganer Ernährung; bei Müdigkeit, Erschöpfung oder Verdacht auf einen Mangel kann eine Laborkontrolle sinnvoll sein

  • Stillzeit:
    → Weiterhin besonders wichtig, da die Versorgung der Mutter die Versorgung des gestillten Kindes beeinflusst

    → Insbesondere bei vegetarischer oder veganer Ernährung auf eine ausreichende Supplementierung achten

MAGNESIUM

Magnesium ist relevant für Muskeln, Nerven, Energieproduktion und Stressregulation.

Der Bedarf steigt in der Schwangerschaft an. Gleichzeitig nehmen viele Menschen über die Ernährung weniger Magnesium auf als früher.

Ein Magnesiummangel kann sich unter anderem durch Muskelkrämpfe, Unruhe, Schlafprobleme, Kopfschmerzen oder eine erhöhte Stressanfälligkeit bemerkbar machen.

Es gibt Hinweise darauf, dass eine gute Magnesiumversorgung Beschwerden wie Wadenkrämpfe reduzieren kann. Auch für die normale Muskel- und Nervenfunktion sowie die Wehentätigkeit spielt Magnesium eine Rolle.

Blutwerte sind bei Magnesium nur eingeschränkt aussagekräftig, da sich der Großteil des Magnesiums nicht im Blut befindet.

Eine magnesiumreiche Ernährung mit Nüssen, Samen, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten bildet die Grundlage einer guten Versorgung.

Empfehlung:

  • Kinderwunsch:

    → Auf eine magnesiumreiche Ernährung achten

  • Schwangerschaft:

    → Etwa 300 bis 400mg täglich

    → Nicht erst bei Krämpfen damit anfangen; guter Spiegel auch für Vitamin-D Stoffwechsel wichtig 

  • Stillzeit:

    → Ähnlich wie in der Schwangerschaft, ggf. individuell anpassen

SELEN

Selen ist wichtig für die Schilddrüse und damit für den mütterlichen Stoffwechsel und Entwicklung des Babys, zusätzlich unterstützt es die Immunfunktion und schützt Zellen vor oxidativem Stress.

Die Böden in Deutschland enthalten vergleichsweise wenig Selen. Dadurch nehmen viele Menschen weniger Selen über die Ernährung auf als in anderen Regionen der Welt.

Selen wird häufig übersehen, obwohl es eng mit der Schilddrüse zusammenarbeitet. Besonders bei einer Jodsupplementierung sollte eine ausreichende Selenversorgung mitgedacht werden.

Niedrige Spiegel werden mit schlechter Immunantwort und einem erhöhten Risiko für Präeklampsie in Verbindung gebracht (bei letzterem ist die Datenlage jedoch weniger eindeutig als bei anderen Nährstoffen).

Empfehlung:

  • Kinderwunsch:

    → Auf eine ausreichende Versorgung achten

    → Spielt auch für die Spermienqualität und männliche Fruchtbarkeit eine wichtige Rolle

  • Schwangerschaft:

    → Etwa 100 bis 200µg täglich

    → Insbesondere bei Schilddrüsenthemen zusammen mit Jod betrachten

  • Stillzeit:

    → vergleichbarer Bedarf, weiterhin auf ausreichende Versorgung achten

CALCIUM

Calcium ist wichtig für die Entwicklung von Knochen und Zähnen des Babys und gleichzeitig für die Stabilität der mütterlichen Knochen.

Wenn nicht ausreichend Calcium über die Ernährung aufgenommen wird, greift der Körper auf die Reserven der Mutter zurück.

Gerade in Schwangerschaft und Stillzeit lohnt sich deshalb ein Blick auf die tägliche Calciumzufuhr.

Für die optimale Nutzung von Calcium sind außerdem eine gute Versorgung mit Vitamin D, Vitamin K2 und Magnesium wichtig.

Calcium sollte zeitlich getrennt von Eisen eingenommen werden, da es die Aufnahme hemmen kann.

Wer wenig Milchprodukte konsumiert, sollte besonders auf andere Calciumquellen wie calciumreiches Mineralwasser, Sesam/Tahin, Mandeln oder grünes Gemüse achten.

Empfehlung:

  • Schwangerschaft:

    → Etwa 800 bis 1000mg täglich

    → Auf eine gute Versorgung mit Vitamin D, Vitamin K2 und Magnesium achten

  • Stillzeit:

    → Weiterhin relevant, da Calcium über die Muttermilch abgegeben wird

    → Auf eine ausreichende Versorgung achten

CHOLIN

Cholin wird oft übersehen, spielt aber eine wichtige Rolle für die Gehirnentwicklung, Zellmembranen und das Nervensystem des Babys.

Viele Frauen erreichen die empfohlene Zufuhr nicht über die Ernährung. Gleichzeitig enthalten viele Schwangerschaftspräparate kein oder nur wenig Cholin.

Besonders reich an Cholin sind Eier, Leber, Fleisch und einige Hülsenfrüchte. Gerade Frauen, die wenig oder keine tierischen Lebensmittel essen, nehmen häufig zu wenig Cholin auf.

Bereits 2 Eier liefern etwa 250–300mg Cholin und damit einen großen Teil des Tagesbedarfs in der Schwangerschaft. Wer auch 3 Eier schafft, deckt seinen gesamten Tagesbedarf.

Das ist übrigens einer der Gründe, warum Eier in der Schwangerschaft aus meiner Sicht einen festen Platz in der Ernährung haben sollten. Sie gehören zu den wenigen Lebensmitteln, die gleichzeitig relevante Mengen an:

  • Cholin

  • Vitamin B12

  • Jod (je nach Fütterung)

  • Selen

  • hochwertigem Protein

liefern.

Für eine vegetarische Schwangere sind Eier deshalb ernährungsphysiologisch oft besonders wertvoll.

Empfehlung:

  • Schwangerschaft:

    → etwa 450mg täglich 

  • Stillzeit:

    → etwa 550mg täglich, weiterhin wichtig, da Cholin über die Muttermilch an das Kind weitergegeben wird

MIKROBIOM

Das Mikrobiom (die Bakterienzusammensetzung im Darm) beeinflusst mehr als wir lange dachten. Unter anderem wissen wir heute, dass es das Immunsystem, Infektanfälligkeit, Allergiereaktionen, Psyche und die Entwicklung des kindlichen Immunsystems mit beeinflusst.

Die wichtigste Grundlage für ein ausgewogenes Mikrobiom ist die Ernährung. Medizinische Eingriffe können die Balance des Mikrobioms nachhaltig beeinflussen.

Lebensmittel mit positivem Einfluss auf das Mikrobiom:

  • Fermentierte Lebensmittel wie rohes Sauerkraut, Kimchi, Kefir und Naturjoghurt liefern lebende Bakterien

    → Eine Kombination dieser Lebensmittel ist sinnvoll, da unterschiedliche Bakterienstämme sinnvoll zusammenwirken

  • Präbiotika, also Ballaststoffe, liefern das Futter für diese Bakterien: Besonders gut dafür geeignet sind ballaststoffreiche Pflanzen, die Inulin enthalten (Lieblingsfutter der guten Bakterien), wie z.B.: Zwiebeln, Knoblauch, Lauch, Chicorée, Topinambur, Spargel etc. oder auch resistente Stärke (wird im Dickdarm fermentiert und bildet Butyrat, sehr wichtig!): wie z.B. abgekühlte Kartoffeln, Reis gekocht und abgekühlt, overnight-oats, grüne Bananen

  • Polyphenole, wie Beeren, Kakao, grüner Tee oder Olivenöl fördern bestimmte nützliche Darmbakterien

  • Möglichst viele unterschiedliche Pflanzen essen → Vielfalt fördert Vielfalt

Faktoren, die das Mikrobiom negativ beeinflussen, sind:

  • viel Stress, ungesunder Schlaf, wenig Bewegung, wenig Naturkontakt

  • Hoch verarbeitete Lebensmittel und zuckerreiche Ernährung können die bakterielle Vielfalt reduzieren und entzündliche Prozesse fördern

  • Antibiotika: wichtig zu verstehen ist, dass sie nicht nur die “schlechten Bakterien” abtöten, sondern massiv in das gesamte Mikrobiom eingreifen. Damit wird die Vielfalt der Bakterien deutlich reduziert und kann das Gleichgewicht im Darm für Wochen bis hin zu Monaten (bei manchen Menschen auch über Jahre) verändern (v.a. bei der Mutter aber auch indirekt beim Kind)

Folgend stellt sich für mich eine wichtige Frage:

Streptokokken-Test am Ende der Schwangerschaft?

Gegen Ende der Schwangerschaft, meist zwischen der 36. und 37. Woche, wird häufig ein Test auf Gruppe B Streptokokken angeboten.

Etwa 15 bis 30 Prozent der Frauen sind damit natürlicherweise besiedelt, meist ohne Symptome.

Ein positiver Test bedeutet nicht automatisch ein Risiko für das Baby.

Das Risiko, das verhindert werden soll, ist eine frühe Neugeboreneninfektion, beispielsweise eine Sepsis.

Diese tritt sehr selten auf, etwa bei 0,5 bis 1 von 1000 Geburten, also etwa 0,05 bis 0,1%.

Sogar bei einer Besiedlung der Mutter mit den B-Streptokokken ist das Risiko für eine Neugeborenensepsis (ohne Antibiotikagabe während der Geburt) etwa bei 1% (Ergebnis einer großen Meta-Analyse).

Unter Antibiotikagabe kann dieses Risiko weiter reduziert werden, wird aber nicht vollständig ausgeschlossen.

Eine Neugeborenensepsis ist eine ernsthafte, aber insgesamt sehr seltene Komplikation.

Lokale Infektionen, beispielsweise an den Augen, treten häufiger auf als schwere Verläufe, sind aber insgesamt auch selten (genaue Zahl konnte ich leider nicht ausfindig machen) und in der Regel gut behandelbar, meist lokal mit antibiotischen Augentropfen.

Bei einem positiven Streptokokken-Test wird aktuell eine Antibiotikagabe unter der Geburt empfohlen (Ausnahme: geplanter Kaiserschnitt vor Wehenbeginn und ohne Blasensprung). Das bedeutet zudem, dass eine Geburt meist nur im klinischen Setting (intravenöse Antibiotikagabe) erfolgen kann.

Ich finde hier sollte jeder ganz klar zwischen Risiko/Nutzen und Einfluss auf das Mikrobiom von Mutter und Kind sowie der Geburtsentscheidung der Mutter (ggf. auch Wunsch nach Hausgeburt/ Geburtshaus) abgewogen werden.

Mir wurde der Test 3 mal versucht so zu vermitteln: “Ihr Kind könnte sterben…!”

Aus meiner Perspektive ist das Risiko so gering, aber Frauen werden teilweise maximal verunsichert.

Ich persönlich habe mich in allen drei Schwangerschaften gegen den Test entschieden. Das war meine individuelle Entscheidung nach ausführlicher Beschäftigung mit den verfügbaren Daten und meinen Geburtswünschen.

Mir ist wichtig, dass Frauen die Zahlen kennen und eine informierte Entscheidung treffen können, statt aus Angst heraus zu entscheiden.

Empfehlung:

  • Schwangerschaft/Stillzeit:

    → Täglich 2 EL fermentierte Lebensmittel (möglichst verschiedene kombinieren)

    → Viele unterschiedliche Ballaststoffe, Inulinquellen und resistente Stärke

    → Möglichst viele verschiedene Pflanzen essen

    Hoch verarbeitete Lebensmittel und stark zuckerreiche Ernährung reduzieren

    Antibiotika nur dann einsetzen, wenn sie wirklich(!!!!) notwendig sind (auch schon vor der Schwangerschaft)

    → Nach Antibiotikatherapien gezielt auf Ernährung und Mikrobiomaufbau achten

    Stress, Schlaf, Bewegung und Naturkontakt mitdenken

    Streptokokken-Test bewusst und informiert abwägen

KOMBIPRÄPARATE

Viele Schwangerschafts-Kombipräparate vermitteln den Eindruck, dass damit automatisch alles Wichtige abgedeckt ist. Und ja es ist verlockend nur eine Pille täglich einnehmen zu müssen.

Aus meiner Sicht lohnt sich jedoch ein genauer Blick auf die Inhaltsstoffe und Dosierungen.

Häufig sind einzelne Nährstoffe eher konservativ dosiert. So sind beispielsweise Vitamin D, Magnesium, Omega-3, Cholin oder Selen teilweise gar nicht oder nur in sehr geringen Mengen enthalten. Auch Vitamin K2 fehlt häufig.

Bei Folsäure wird meist die synthetische Form verwendet, obwohl manche Frauen von der aktiven Form (5-MTHF/Folat) profitieren können.

Außerdem werden Nährstoffe oft kombiniert, die sich gegenseitig in der Aufnahme beeinflussen können. Ein Beispiel sind Eisen und Calcium oder größere Mengen Eisen und Magnesium zur gleichen Zeit.

Gerade bei Eisen sehe ich das besonders kritisch. Frauen denken, sie seien gut abgedeckt aber von dem eingenommenen Eisen kommt kaum was an. Zusätzlich wird der Ferritinwert selten gemessen. So kann ein Eisenmangel lange unentdeckt bleiben und Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung oder reduzierte Belastbarkeit werden nicht selten als normaler Bestandteil der Schwangerschaft angesehen und abgetan.

Deshalb sehe ich viele Kombipräparate eher als sinnvolle Grundlage als eine vollständige Lösung.

Je nach Ernährung, Blutwerten und individueller Situation sind aus meiner Sicht zusätzliche Einzelpräparate sehr sinnvoll. Die Alternative ist, sich direkt gut dosierte Einzelpräparate zu besorgen, die zeitlich getrennt voneinander eingenommen werden können.

Beispielsweise:

Eisen morgens nüchtern oder abends

Magnesium eher am Abend

Vitamin D und Omega-3 zu einer fettreichen Mahlzeit

FAZIT

Wir überwachen Schwangerschaften heute sehr genau.

Wir kontrollieren Gewicht, Blutdruck, Ultraschallbefunde und Laborwerte.

Deutlich seltener fragen wir jedoch, wie gut die Mutter tatsächlich mit den Nährstoffen versorgt ist, die sie für sich selbst und die Entwicklung ihres Kindes benötigt.

Dabei lassen sich bei genauerem Hinschauen viele Versorgungslücken erkennen und oft auch relativ einfach beheben.

Mein Ziel mit diesem Guide ist nicht, möglichst viele Nahrungsergänzungsmittel zu empfehlen.

Mein Ziel ist, dafür zu sensibilisieren, dass Messen häufig besser ist als Raten und dass eine gute Versorgung idealerweise individuell und ganzheitlicher betrachtet werden sollte (Ernährung? Wievielte Schwangerschaft? Vorherige Stillzeit? etc..).

Gerade in der Stillzeit wird die Versorgung der Mutter häufig vergessen, obwohl auch hier wichtige Grundlagen für die langfristige Gesundheit von Mutter und Kind gelegt werden.

HINWEIS

Dieser Guide dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Die genannten Empfehlungen stellen keine pauschalen Handlungsempfehlungen für jede Schwangere dar, sondern sollen helfen, mögliche Versorgungslücken zu erkennen und gemeinsam mit dem/der betreuenden Arzt/in oder Hebamme individuell einzuordnen.

Noch ein Hinweis zum Thema Kinderwunsch: Die aufgeführten Kinderwunsch-Empfehlungen beschränken sich auf die Nährstoffe, die auch für Schwangerschaft und Stillzeit relevant sind. Das Thema Kinderwunsch geht jedoch deutlich weiter und umfasst je nach individueller Situation weitere Faktoren, Laborwerte und mögliche Ursachen. Dies würde den Rahmen dieses Newsletters sprengen und ist daher nicht der Schwerpunkt dieses Guides.

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